Foto Werbung Domspatzen StadtR

Im Original ein intoleranter Haufen – wie Werbung nach hinten losgehen kann

Nach außen stellt sich die Stadt Regensburg gerne als liberal, großzügig und aufgeschlossen gegenüber neuen Entwicklungen und Kulturen dar. Insbesondere Oberbürgermeister Wolbergs setzt sich für einen offenen Umgang mit Flüchtlingen und MigrantInnen ein. Sie seien die neuen MitbürgerInnen, die das Stadtleben bereichern würden, beschwört der OB in der Öffentlichkeit das Wohlwollen der BürgerInnen. Die Stadt wirbt für eine offene Willkommenskultur, wenn es um neuankommende Flüchtlinge geht, die in der neuen Erstaufnahmeeinrichtung unterkommen sollen. Diese könnten auch auf Offenherzigkeit hoffen, wenn man sich auf die Beschlüsse der Auftaktveranstaltung der Initiative „Regensburg hilft“ verlässt, die sich am 09.01.2014, gegründet hat, um die Flüchtlingsarbeit der Stadt zu unterstützen.

Doch jetzt leistete sich die Stadt Regensburg mit ihrer städtischen Tochter, der Regensburger Tourismus GmbH, einen Fauxpas. Mittels 100.000 Postkarten wirbt die Stadt Regensburg deutschlandweit um BesucherInnen.

Auf der Postkarte ist eine Gruppe Jugendlicher, Mädchen und Jungen unterschiedlicher Herkunft am Altar des Regensburger Doms in den Kutten der Regensburger Domspatzen zu sehen. Im Vordergrund greift sich ein vermeintlicher „echter Domspatz“ an den Kopf und verdreht die Augen. Ob er dies ob des schlechten Gesangs tut oder ob des innovativen Auftretens der Chores, ist unklar. Schrägt darüber ein Bild der Regensburger Domspatzen, in Reih und Glied nach preußischer Ordnung mit dem Untertitel „Original: Die Regensburg Domspatzen“ aufgedruckt. Der Text der Postkarte lautet in großen Lettern: „Nichts ist besser als das Original“.

Aus Sicht der Linksfraktion Regensburg ist das nicht hinnehmbar! Diese Werbung vermittelt den Eindruck, als würde Regensburg sich als Brutstätte von Zucht und Ordnung gerieren und als wäre ein Chor aus Mädchen und Jungen gleich welcher Herkunft natürlich schlecht und aus Regensburger Sicht abzulehnen. Der streng geführte Knabenchor aus Regensburg sei wesentlich besser.

Diese Bewerbung der Stadt spielt offen mit sexistischen Stereotypen. So seien Frauen und Mädchen eh nur geschwätzig und kümmerten sich um ihr Äußeres. Diesen Vorurteilen widersprechen wir entschieden.

Weiterhin singt in dieser negativ dargestellten Szene auch ein Junge dunkler Hautfarbe mit. Auf dem Originalbild ist sowas nicht zu erkennen, aber Nachfragen haben ergeben, dass es wohl auch einige Domspatzen mit Migrationshintergrund gibt. Jedoch ist es für die Regensburger Tourismus GmbH klar, dass man, um etwas negativ darstellen zu können, einen „Quotenmigranten“ braucht. Diesem Alltagsrassismus eines städtischen Tochterunternehmens muss Einhalt geboten werden.

Darüber hinaus erscheint es der Linksfraktion höchst zweifelhaft, ob man als Stadt Regensburg unbedingt mit den Regensburger Domspatzen Werbung machen muss:

Zuletzt gerieten die Domspatzen wegen Missbrauchsfällen im Regensburger Knabenchor in den Fokus der Öffentlichkeit: Seit 2010 erschüttert die Anklage auf systematischen Kindesmissbrauch im Internat des berühmten Knabenchors die breite Öffentlichkeit. Öffentlichkeitswirksam agierte das Bistum Regensburg im Zuge einer Kampagne und versprach Aufklärung, Transparenz und unbürokratische Hilfe für die Betroffenen. Im November 2014, fünf Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle legte das Bistum Regensburg einen Tätigkeitsbericht vor: Die Kirche erkannte 30 Betroffene als Missbrauchsopfer an und zahlte ihnen dafür zwischen 1.000 und 15.000 Euro pro Person. Am 07. Januar strahlte die ARD die Dokumentation „Sünden an den Sängerknaben“ über die Missbrauchsfälle im Chor der Regensburger Domspatzen aus. Insbesondere  Alexander Probst, Udo Kaiser und Georg Auer, alle drei Opfer und ehemalige Domspatzen, berichten in der ARD-Dokumentation ihren Missbrauch. Georg Auer erreichte als einziger der drei Männer, dass sein Fall – von der Diözese Regensburg bislang nicht anerkannt – neu aufgerollt werden soll. Doch wie viele Menschen wie Georg Auer und seine ehemaligen Mitschüler wurden von der Diözese nicht als Missbrauchsopfer anerkannt?

Unserer Meinung nach ist die Vorgehensweise des Bistums nicht hinnehmbar. Es wird die Taktik gefahren, einfach abzuwarten, bis genügend Gras über die Sache gewachsen ist und die Opfer durch die demütigende Behandlung seitens der Diözese aufgeben und wieder zu schweigen beginnen. Das ist keine Aufklärung, keine Wiedergutmachung und kein Schuldanerkenntnis! Auch die Domspatzen selbst müssen in anderer Weise wie bisher mit ihrer Vergangenheit umgehen und sich nicht ausschließlich durch das Bistum vertreten lassen.

Für die Stadt Regensburg und für die Regensburger Tourismus GmbH verbittet sich nach dem Stadtpunkt der Linksfraktion jegliche Zusammenarbeit mit den Domspatzen, bis die Vorfälle tatsächlich aufgeklärt sind.

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2 thoughts on “Im Original ein intoleranter Haufen – wie Werbung nach hinten losgehen kann”

  1. Das passt schon so. Man muss sich nicht dem verordneten „Humor“ einer ansonsten eher wenig humorlosen herrschenden Meinung in Regensburg anschließen. Millionen Fliegen können schon mal irren…

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